Weniger Bürokratie, mehr Unterstützung
04. Mai 2026Nürnberg / Rummelsberg – „Näher am Leben der Klient*innen“ – Mit der Unterzeichnung einer neuen Leistungsvereinbarung mit dem Bezirk Mittelfranken hat die Rummelsberger Diakonie ihr ambulantes Angebot für Menschen im Autismus-Spektrum erweitert. Im Interview erklärt Armin Schmid, Leitung Ambulant unterstütztes Wohnen (AuW), was dahintersteckt, für wen das Angebot gedacht ist – und warum es ein wichtiger Schritt für mehr individuelle Unterstützung ist.
Warum braucht es ein neues Angebot im Ambulant unterstützten Wohnen für Autist*innen?
Armin Schmid: Wir betreuen Menschen im Autismus-Spektrum bereits seit vielen Jahren – bislang häufig über das Persönliche Budget. Dieses Modell bringt jedoch einige Hürden mit sich: Die Klient*innen müssen die Abrechnung selbst organisieren, ein eigenes Konto führen und sich um Verträge kümmern. Mit der neuen Leistungsvereinbarung nehmen wir ihnen diese bürokratische Last ab. Die Abrechnung erfolgt direkt zwischen uns und dem Bezirk – also weniger Belastung für die Klient*innen. Das ist ein deutlicher Servicegewinn und ermöglicht überhaupt erst, dass Unterstützungsangebote zustande kommen, die vorher an formalen Hürden gescheitert sind.
Was ist fachlich neu an dem Angebot?
Armin Schmid: Das neue Modell ist deutlich flexibler und näher am tatsächlichen Bedarf der Menschen. Im Vergleich zum klassischen AuW können wir mehr indirekte Zeiten einplanen – also etwa Fachberatung, Abstimmung im Team oder Vorbereitung, die den Klient*innen zugutekommt. Außerdem rechnen wir nicht mehr starr nach Stunden ab, sondern arbeiten mit Hilfebedarfsgruppen. Diese sind mit Zeitkontingenten hinterlegt, die wir bedarfsgerecht einsetzen können. Das bedeutet: Wir können Unterstützung so gestalten, wie sie im Alltag tatsächlich gebraucht wird.
Wer kann das Angebot in Anspruch nehmen?
Armin Schmid: Das Angebot richtet sich an Personen mit sogenanntem hochfunktionalem Autismus. Grundlage ist eine mittelfrankenweit gültige Rahmenleistungsvereinbarung. Hochfunktionale Autist*innen haben sich kognitiv unauffällig entwickelt und können meist problemlos kommunizieren. Wir haben diesen Personenkreis auch bisher schon im Rahmen des Persönlichen Budgets unterstützt. Wer möchte, kann unsere Leistungen auch weiterhin selbst über das Persönliche Budget abrechnen.
Ist die Nachfrage groß genug?
Armin Schmid: Ja, der Bedarf ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Wir erleben eine kontinuierlich zunehmende Nachfrage nach passgenauen ambulanten Unterstützungsangeboten für Menschen im Autismus-Spektrum. Aktuell betreuen wir im AuW 18 Menschen im Autismus-Spektrum, drei neue Anfragen bearbeiten wir gerade.
Wie viele Plätze gibt es aktuell für hochfunktionale Autist*innnen?
Armin Schmid: Derzeit begleiten wir drei Klient*innen im Rahmen des neuen Angebots – in den Regionen Roth und Nürnberg. Perspektivisch möchten wir das Angebot in den kommenden fünf Jahren weiter ausbauen und alle verfügbaren 15 Plätze besetzen. Eine Erweiterung ist grundsätzlich möglich, wenn der Bedarf weiter steigt.
Gibt es Wartelisten?
Armin Schmid: Aktuell gibt es keine klassische Warteliste. Allerdings kann es dennoch dauern, bis eine Unterstützung startet. Zwischen Anfrage und Beginn der Leistung können bis zu neun Monate liegen. Das hängt unter anderem mit Abstimmungsprozessen, der individuellen Bedarfsklärung und der Verfügbarkeit von passendem Personal zusammen. In manchen Fällen geht es deutlich schneller – insbesondere, wenn bereits ein entsprechender Bescheid vorliegt. Dann können wir im besten Fall – wenn wir die Mitarbeiter*innen haben – sofort loslegen.
Wie ist das Angebot entstanden?
Armin Schmid: Die Schaffung steht im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung unserer Angebote für Menschen im Autismus-Spektrum. Unser Ziel war es, bestehende Unterstützungsformen zu verbessern und neue Möglichkeiten zu schaffen. Der Weg zur Leistungsvereinbarung war allerdings anspruchsvoll: In jedem Landkreis bzw. jeder Stadt, in dem/der wir in Mittelfranken tätig sind, musste das Konzept in der psychosozialen Arbeitsgemeinschaft vorgestellt und abgestimmt werden. Umso mehr freut es uns, dass wir überall Zustimmung erhalten haben.
Gab es Vorbehalte gegenüber dem neuen Angebot?
Armin Schmid: Bei einigen Kolleg*innen anderer Träger spürte ich anfangs eine gewisse Skepsis. Nach dem Motto: „Schauen wir mal, ob das funktioniert.“ Teilweise stand auch die Frage im Raum, ob Konkurrenz entsteht. Unsere Erfahrung zeigt jedoch: Es geht nicht um Konkurrenz, sondern um eine notwendige Ergänzung der bestehenden Angebote. Gerade für Menschen im Autismus-Spektrum braucht es differenzierte und spezialisierte Unterstützung.
Werden aktuell neue Mitarbeiter*innen gesucht?
Armin Schmid: Ja, wir suchen kontinuierlich neue Kolleg*innen und bieten vor allem Teilzeit- und Minijobstellen. Der Personalschlüssel liegt bei etwa 75 Prozent sozialpädagogischen Fachkräften und 25 Prozent andere Fach- und Hilfskräften. Gleichzeitig ist das Arbeitsfeld sehr agil und vielfältig. Wir freuen uns daher auch über Initiativbewerbungen von Menschen, die Interesse an der Arbeit mitbringen. Weitere Infos zur Arbeit mit Autist*innen finden Sie auf www.jobsplussinn.de.
Was macht die Arbeit in diesem Bereich besonders?
Armin Schmid: Die Arbeit ist sehr individuell und nah am Menschen. Wir begleiten Klient*innen in ihrem Alltag, unterstützen sie bei der Selbstständigkeit und gestalten gemeinsam Entwicklungsschritte. Ein besonderer Aspekt ist auch, dass wir selbst Vielfalt im Team leben: So arbeitet beispielsweise auch eine hochfunktionale Autistin bei uns. Diese Perspektiven bereichern unsere Arbeit enorm.
Das Interview führte Heike Reinhold.