10 Jahre „Grenzgänger“
07. Juli 2026Roth – Vor zehn Jahren entstand in Roth ein Wohnprojekt, das bis heute eine Lücke im Sozialsystem schließt: die „Grenzgänger“. Die Außenwohngruppe der Rummelsberger Diakonie feierte am Samstag, 27. Juni, ihr Jubiläum – ganz im Stil des Projekts: locker, unkonventionell und mit vielen Freiheiten.
Zuhause für junge Erwachsene zwischen den Systemen
Die „Grenzgänger“ bieten 14 jungen Menschen zwischen 18 und 35 Jahren ein Zuhause, die weder in der Jugendhilfe noch in klassischen Behindertenhilfe-Einrichtungen passende Unterstützung finden. Bei ihnen wurden Intelligenzminderungen und psychische Erkrankungen wie ADHS, Fetale Alkoholspektrumstörung (FASD) oder bipolare Störungen diagnostiziert. „Sie sind zu selbstständig für stationäre Angebote, aber ein Leben ohne Hilfe überfordert sie“, erklärt Norbert Seelig, Wohnbereichsleiter der unkonventionellen Wohngemeinschaft. Das Konzept setzt auf Freiwilligkeit: Der Schwerpunkt liegt auf individueller Unterstützung, Bereitschaft zur Mitwirkung und regelmäßiger Reflexion mit dem Bezugsmitarbeiter um die selbst gesteckten Ziele zu erreichen.
Für einen Zeitraum von fünf Jahren können die Bewohner*innen bleiben und an ihrer Selbstständigkeit arbeiten. „Hier lebt jeder sein eigenes Leben“, sagt Selina Hanisch vom pädagogischen Fachdienst. Die Bewohner*innen bestimmen selbst, wie sie ihren Alltag gestalten – ob sie ihre Medikamente nehmen, zur Arbeit gehen oder im Park zelten. „Das kann chaotisch sein, aber es ist ihr Leben“, betont Norbert Seelig. Mit Hilfe des Teams setzen sich die jungen Erwachsenen individuelle Ziele: vom Wäschewaschen über Jobsuche bis hin zum Umgang mit Geld. Daran arbeiten sie mit Unterstützung der Mitarbeitenden.
Erfolge und Herausforderungen
Seit der Gründung haben rund 30 Menschen in der WG gelebt. Ein Drittel schaffte den Sprung in ein selbstständiges Leben, ein weiteres Drittel fand einen Platz in einer Wohngruppe. Doch nicht alle Lebenswege nehmen eine positive Wendung: Manche Klient*innen landen in der Obdachlosigkeit oder im Gefängnis. „Wir probieren alles, aber es klappt nicht immer“, sagt Norbert. Dennoch gibt das Projekt den Bewohner*innen die Chance, ihre Grenzen auszuloten – und ihre Möglichkeiten zu entdecken.
Jubiläum, aber im Grenzgänger-Stil
Die Feier zum 10. Geburtstag war typisch „Grenzgänger“: keine offiziellen Reden, kein Programm – stattdessen Pizza, legere Kleidung, Musik und lockere Gespräche. Bewohner Fabian legte im Café Auszeit des Rummelsberger Auhofs auf. „Uns geht es um Begegnung und gemeinsame Zeit“, so Norbert. Die „Grenzgänger“ zeigen, dass Wohnen auch anders geht: mit Respekt, Freiheit und der Bereitschaft, Unperfektes auszuhalten.
Die Grenzgänger gehören zu den Rummelsberger Diensten für Menschen mit Behinderung (RDB). Die RDB ist eine gemeinnützige Gesellschaft mbH und gehört zur Rummelsberger Diakonie e.V. Unter dem Dach der RDB sind stationäre und ambulante Angebote für Menschen mit Behinderung zusammengefasst. Rund 3.500 Klient*innen nehmen die Dienstleistungen von mehr als 2.500 Mitarbeitenden in Anspruch.