Transformation als Chance

16. Juli 2026

Die evangelische Kirche steht vor einer Zeitenwende – wie auch die Rummelsberger Diakonie. Oberkirchenrat Stefan Reimers, Personalverantwortlicher der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB), skizzierte in einer Rede die Herausforderungen, die nicht nur die Landeskirche, sondern alle kirchlichen und diakonischen Einrichtungen betreffen: „Transformation betrifft uns alle – in jeder Form und in jedem Bereich unseres Lebens.“ Doch was bedeutet das? Und wie kann die Diakonie diesen Wandel als Chance begreifen?

Die Realität: Kirche wird kleiner – und älter

Die Zahlen sind unmissverständlich: Zwischen 2015 und 2020 traten in der ELKB 163.494 Menschen aus, von 2021 bis 2025 werden es voraussichtlich 218.000 sein. 2026 rechnet Reimers mit weiteren 40.000 Austritten. „Das ist eine enorme Steigerung – eine Dynamik, die uns beschäftigt und extremen Druck ausübt“, sagt er. 

Die Folgen sind gravierend. Erstmals hat die ELKB in Bayern weniger als zwei Millionen Mitglieder. Auch die finanzielle Lage ist nicht gerade rosig: Bis 2035 wird die Finanzkraft der Landeskirche um 40 Prozent zurückgehen – bei gleichzeitig sinkender Kaufkraft. Auch das Personal geht zurück. Es kommt nicht zu Entlassungen, aber durch die unmittelbar bevorstehende Ruhestandswelle der Babyboomer und nicht nachbesetzte Stellen wird die Zahl der Mitarbeitenden der ELKB um bis zu 40 Prozent zurück gehen. 

Doch die Entwicklung ist nicht überall gleich: Während manche Gemeinden kaum noch Fachkräfte finden, pulsiert das Leben in anderen.  Die Frage ist: Wie reagiert die Kirche darauf – und mit ihr die Diakonie?

Die Wurzel: Warum Veränderung zum Kern des Christseins gehört

Reimers erinnert daran, dass Wandel kein neues Phänomen ist: „Zur evangelischen Kirche gehört die Veränderung.“ Die Reformation war ein radikaler Umbruch – doch sie begann mit einer Rückbesinnung: „Zuerst müssen wir uns auf die Wurzel besinnen. Woher kommen wir eigentlich?“

Übertragen auf die Rummelsberger Diakonie bedeutet das: Nicht Strukturen, sondern Begegnungen stehen im Mittelpunkt. Reimers formuliert es klar: Der Sinn von Kirche sei das Dienen, um die konkrete Begegnung des Menschen mit Christus zu ermöglichen. Kirche sei kein Selbstzweck, sondern ein Ort, der Menschen in ihren Lebensrealitäten abholt – besonders in Zeiten des Umbruchs. 

Die Vision: Eine Kirche, die mit den Menschen geht

Trotz aller Herausforderungen sieht Reimers Grund zur Hoffnung: „Ich bin ein unverbesserlicher Optimist.“ Seine Vision? „Eine Kirche, die sich vernetzt – nicht nur unter Christ*innen, sondern mit allen Menschen der Gesellschaft.“ 

Außerdem, so Reimers, brauche die Kirche ein neues Selbstverständnis. Eines, das Radikalität und Kompromissbereitschaft verbindet: „Wir brauchen eine Kirche, die den Menschen folgt – nicht umgekehrt.“ Trotz des ungewissen Ausblicks ist Reimers optimistisch. „Ich will nicht zurück. Ich will in eine Zukunft mit Visionen.“

Was bedeutet das für die Diakonie? 

Drei Leitsätze:

  1. Mut zur Lücke: Nicht jedes Angebot muss ewig bestehen. „Wenn etwas nicht mehr angenommen wird, müssen wir den Mut haben, es zu verändern oder loszulassen.“
  2. Gemeinschaft neu denken: Kirche und Diakonie sind kein Zuhause nur für bestimmte Zielgruppen, sondern Orte der Begegnung – auch für Menschen außerhalb der Glaubensgemeinschaft.
  3. Finanzen als Gestaltungsmittel: Die ELKB verfügt über Rücklagen – etwa für Ruhestandsauszahlungen. „Das Geld ist da, damit niemand Angst haben muss.“

Reimers‘ Appell an die Kirche gilt auch für die Diakonie: „Es geht nicht um Größe, sondern um Kraft. Nicht um Wachstum um jeden Preis, sondern um eine Botschaft, die Menschen trägt.“

Die Rummelsberger Diakonie steht vor denselben Fragen wie die Landeskirche: Wie gestalten wir Transformation, ohne unsere Wurzeln zu verlieren? Wie bleiben wir relevant – ohne uns selbst zu verraten? Stefan Reimers gibt eine klare Antwort: „Kirche sein heißt, sich ständig neu zu erfinden. Und das ist kein Weltuntergang – sondern eine Einladung.“

Oberkirchenrat Stefan Reimers
Oberkirchenrat Stefan Reimers
Foto
Jana Matisowitsch